Der Songtitel „Sorry seems to be the hardest word“ von Elton John ist wie für Sebastian Kurz geschrieben: Fehler machen alle anderen, nur nicht der österreichische Bundeskanzler.

Am 13. Mai sorgte Sebastian Kurz (ÖVP) bei seinem ersten Termin außerhalb Wiens nach dem knapp zweimonatigen Lockdown für Empörung. Er besuchte das Kleinwalsertal in Vorarlberg und nahm ein regelrechtes Bad in der Menschenmenge. Weder Kurz noch seine Begleiter hielten dabei den Corona-Mindestabstand ein. Der Ausflug des ÖVP-Chefs, der eigentlich ein Signal für die anlaufende Grenzöffnung hätte sein sollen, endete in einem Fiasko. Am darauffolgenden Abend äußerte sich Bundeskanzler Kurz zu dieser Farce zwar in der Sendung ZIB2 im ORF, eine Entschuldigung seinerseits blieb jedoch – wie erwartet – aus.

Monatelang predigte Österreichs Regierungschef Social Distancing und das Einhalten der Corona-Schutzmaßnahmen. Er schürte bewusst Panik vor dem Virus und setzte auf eine Kriegsrhetorik, um sein Vorgehen zu rechtfertigen. Sein Satz „Bald wird jeder von uns jemanden kennen, der an Corona gestorben ist“, hat sich besonders eingeprägt. Dass sich der Bundekanzler selbst nicht an die Abstandsregeln hält, ist wenig staatsmännisch und untergräbt das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Hygienevorschriften. Denkt Kurz wirklich, er steht über dem Gesetz? Sein Verhalten kommt einer Verhöhnung der Bevölkerung gleich, insbesondere der Arbeitslosen, die um ihre Existenz fürchten müssen. Während sich die Menschen, die in Österreich leben, an die bestehenden Regelungen halten sollen, ignoriert Kurz die selbst beschlossenen Schutzmaßnahmen und badet in der Menge.

Auch der Personenkult um Sebastian Kurz ist sehr bedenklich. Vor dem Eintreffen des Kanzlers im Kleinwalsertal waren die Menschen von der Gemeinde auf Facebook aufgefordert worden, anlässlich des hohen Besuches die Häuserwände zu beflaggen und den Regierungschef von Österreich mit Bekundungen zu empfangen. „Die Verantwortlichen freuen sich über eine Beflaggung der Häuserwände und Bekundungen an der Walserstraße“ lautete die wörtliche Aufforderung. Später wurde der Satz gelöscht. Ein paar Kurz-Fans ließen sich aber nicht beirren und kamen prompt mit Fahnen.

Sebastian Kurz zeigt keinen souveränen Umgang mit Kritik und Kritikern, sondern setzt auf Verleugnung und Gegenangriff. Anstatt von seiner Vorbildfunktion Gebrauch zu machen, schob er im Interview in der ORF-Sendung ZIB2 nach dem Vorfall im Kleinwalsertal die Schuld auf die hiesige Bevölkerung sowie auf die Journalisten. Laut Kurz seien die Menschen darauf hingewiesen worden, dass es sich um keine öffentliche Veranstaltung handle, die Leute seien aber trotzdem gekommen. „Ich kann nur an jeden Einzelnen appellieren, die Regeln einzuhalten“, so der Bundeskanzler.

Eigene Fehler gestand der österreichische Regierungschef nicht ein, „wir haben daraus gelernt“, sagte er lediglich. „Natürlich haben Menschen, die den Abstand nicht eingehalten haben, Fehler gemacht“, ergänzte er. Mehrfach beschuldigte Sebastian Kurz Medienvertreter, sich nicht an die Abstandsregeln gehalten zu haben. Zunächst habe es bei der Ankunft „eine große Traube an Journalisten“ gegeben und auch danach seien unter anderem Kameraleute nicht weit genug entfernt ihrer Arbeit nachgegangen.

Fehler einzugestehen ist ein Zeichen von Charakter und Größe – so wie es Bundespräsident Alexander Van der Bellen nach Missachtung der Sperrstunde und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) nach dem missverständlichen Oster-Erlass gemacht haben. Dass der Bundeskanzler für sein Handeln nicht Verantwortung übernimmt und nicht zu seinem Fauxpaux steht, signalisiert Schwäche und Unsicherheit – ein Verhalten, dass umso beschämender für den Träger eines hohen Amtes ist. „Es tut mir leid“ oder „Sorry“ kommt Sebastian Kurz nie über die Lippen. Ein Staatsmann, der sich nicht entschuldigen kann, ist alles andere als staatsmännisch.